Evangelisches Altargerät in Frankfurt am Main nach der Reformation

29.06.2017

Der Kunsthistoriker Christian Kaufmann über Wasser, Wein, Brot, Gebrauchsspuren und Stiftungen

Aus der Evangelischen Kreuzgemeinde, Preungesheim, stammt diese Kanne.

Jede religiöse und konfessionelle Tradition schlägt sich in sichtbaren Kulturzeugnissen nieder. Christian Kaufmann, Studienleiter für Kunst & Stadt der Evangelischen Akademie Frankfurt, kuratierte 2014 zusammen mit der Kunst- und Architekturhistorikerin Ulrike Schubert im katholischen Dommuseum eine Ausstellung zu evangelischem Abendmahls- und Taufgeschirr Frankfurter Provenienz.
In dem folgenden Beitrag greift der Kunsthistoriker anlässlich des Jubiläums „500 Jahre Reformation“ das Thema noch einmal auf.

Für Luther Teilnahme am Abendmahl zentrale Frage

Das gut ökumenisch angelegte Ausstellungsprojekt im Dommuseum trug den Titel „Für Wasser Wein Brot“. Ein protestantisch-nüchterner Titel, hinter dem dann jedoch hochgradig aufgeladene komplexe theologische Vorstellungswelten und natürlich auch konfessionelle Brüche aufschienen. Schließlich war die Frage, wer am Abendmahl teilnehmen und Abendmahlsgaben empfangen darf, eine der zentralen Triebfedern für Luther und die Reformatoren.

Dass die protestantische Konfession in hohem Maße mit dem Wort und der Musik verbunden wird, ist unbestritten. Fragt man nach einem protestantischen Musiker, fallen sofort die Namen Johann Sebastian Bach oder Paul Gerhardt. Als Kunsthistoriker bin ich allerdings davon überzeugt, dass sich eine Haltung immer auch in anderen Kulturleistungen zeigt, etwa auch in Werken der angewandten oder der bildenden Kunst. Um ein Beispiel aus der Malerei des Barock zu geben: Der protestantische Rembrandt malt anders – bearbeitet selbst identische Themen motivisch anders - als der katholisch geprägte Rubens.

Daher schien es naheliegend, einmal die Gegenstände für die beiden wichtigsten protestantischen Kulthandlungen, die Taufe und das Abendmahl, zu betrachten. Wir trugen damals etwa 60 hochkarätige Exponate aus 13 Frankfurter Gemeinden und von diversen anderen Leihgebern zusammen. Das Historische Museum Frankfurt hat uns beispielsweise wunderbare Objekte zur Verfügung gestellt, ebenso das Frankfurter Diakonissenhaus oder auch das Zentrum Verkündigung, die Klinikseelsorge der Uniklinik in Frankfurt, der Evangelische Regionalverband  sowie private Leihgeber.

Vom Barock bis zur Postmoderne

Die ausgestellten Stücke schlugen einen Bogen von über 500 Jahren und umfassten kunsthistorische Stilepochen vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart. Prägnant ließen sich dabei die unterschiedlichen Formensprachen der einzelnen Epochen voneinander unterscheiden: die spätgotischen Formen der frühesten Ausstellungstücke von der bauchig-voluminösen des Barock, der dann wiederum von der strengeren Sprache des Klassizismus abgelöst wurde. Auf die historistische Vielfalt zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. folgen ebenfalls einfache, strenge Formen, die auch die Nachkriegszeit wie auch die Geräte der frühen 1960er Jahre prägen. Spielerischer ist die Formensprache dann wieder ab Mitte der 1980er Jahre mit der sogenannten Postmoderne. Entstanden mit der Ausstellung im Dommuseum war „eine Art protestantisches Museum auf Zeit“.

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Unlängst in den Dienst genommen in der Evangelischen Nazarethgemeinde, Eckenheim

Zurück zu protestantischen Ausprägungen und einer evangelischer Formensprache: Ein Charakteristikum der gezeigten evangelischen Altargeräte war eine gewisse Zurückhaltung im Dekor. Ausnehmen muss man da den Historismus Ende des 19. Jahrhunderts, da war die zeittypische Ornamentfülle stärker als die regional geprägte Zurückhaltung. Ein anderes Merkmal wird man beim Vergleich der Kuppa, also des Gefäßkörpers, eines evangelischen Abendmahlskelches mit einem katholischen entdecken. Der evangelische ist größer, da der Inhalt für viele Gemeindemitglieder reichen muss und nicht nur für den katholischen Geistlichen.

Ein bei den Reformierten zu beobachtendes Phänomen ist der Becher, aus hygienischen Gründen wird der Einzelkelch heute auch bei lutherischen Gemeinden diskutiert. Es gibt Abendmahlsgeräte aus unedlen Materialien wie Zinn oder Ton, die im katholischen Bereich eher ungebräuchlich sind oder erst mit den Reformbewegungen des letzten Jahrhunderts auftauchen.

Die protestantische „Kaffeekanne“

Ich habe es bereits angeführt: Wo viele Menschen um den Abendmahlstisch stehen, benötigt man größere Gefäßkörper. Man benötigt auch eine größere Menge Weines und dafür Abendmahlskannen, die eine dezidiert protestantische Ausprägung darstellen.

Es ist der Aspekt der Gemeinschaft, der sich in diesen Dingen genuin ausdrückt und typisch protestantisch ist, dass nicht einer für alle, sondern alle an der rituellen Handlung teilhaben.

Die protestantische Haltung scheint mir darüber hinaus – zumindest für den untersuchten Frankfurter Bereich - eine sehr pragmatische zu sein. So wiesen viele der Abendmahlskannen eine starke Nähe zu Alltagsgeschirr, zu Humpen und Karaffen - auf.

Die ausgestellte barocke Kanne aus der Katharinenkirche beispielsweise könnte auch im Rat der Stadt benutzt worden sein. Und die wunderbare Kanne von 1903 aus dem Diakonissenhaus wurde vom früheren Leiter des Dommuseums, August Heuser, etwas despektierlich als Kaffeekanne bezeichnet, wobei sich eine gewisse Nähe zu diesem Alltagsgegenstand nicht abstreiten lässt.

Die protestantische Kultur in Frankfurt ist eine bürgerliche, vielleicht nahm man in dörflich geprägten Strukturen eher das, was gerade zur Hand war, was man kannte oder umfunktionieren konnte. Möglicherweise hat daher die alte Weinflasche aus Preungesheim vielleicht wirklich einmal den häuslichen Wein bewahrt, bevor sie in die Kirche kam.

Stifter- und Stadtgeschichte

Die evangelischen Abendmahlsgefäße zeigen eher Gebrauchsspuren, erzählen von der Nutzung - anders als die „heiligen Gefäße“ im katholischen Kontext. Ihre Aura, wenn man das so nennen will, ergibt sich eher aus dem Wissen, dass sie bereits durch viele Hände gegangen sind.

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In Bockenheim: eine Spende der Prinzessin Henriette Amalie von Anhalt-Dessau

alle Aufnahmen: Günther Dächert Fotografie

Was mir vor der Arbeit an dieser Ausstellung nicht bekannt war, ist die Tatsache, dass viele der Objekte mit Stifterpersönlichkeiten verbunden sind. Wir kennen die Tradition des Stifterbildes von mittelalterlichen Altären her, als dort durchaus gebräuchliche Art der Repräsentation. Was im katholischen Bereich aber eher unüblich war, ist für den evangelischen Bereich durchaus die Regel: dass nämlich Altargeräte gestiftet wurden oder zumindest mit einer Stiftung verbunden sind.

Bei vielen evangelischen Altargeräten setzten Stifter selbstbewusst ihre Namen und Wappen auf die Objekte. Eine meiner Lieblingsgeschichten in diesem Zusammenhang ist die von Prinzessin Henriette Amalie von Anhalt-Dessau (1720-1793), die eine Zeitlang in Bockenheim lebte und der reformierten Gemeinde 1790 einen Becher stiftete. 1792 floh sie dann vor den französischen Truppen in ihre Heimatstadt Dessau, wo sie ein Jahr später starb.

Gut vertreten war in der Ausstellung auch Krankenabendmahlsgeschirr, das von einem ausgeprägten diakonischen Wirken in der Stadt zeugt und das in dieser Fülle im katholischen Bereich nicht zu finden ist. Die Leihgabe des Frankfurter Diakonissenhauses oder auch die Stiftung der Familie von Weinberg an das Städtische Armen- und Siechenhaus, die sich heute im Besitz der Klinikseelsorge der Frankfurter Uniklinik befindet, wiesen da in eine ganz ähnliche Richtung.

Der in der Schriftenreihe des Evangelischen Regionalverbands erschienene Ausstellungskatalog kann aktuell zu einem Sonderpreis in Höhe von 15 Euro über den Evangelischen Regionalverband Frankfurt am Main bezogen werden, Kontakt: E-Mail an karin.schlicht@ervffm.de

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